Schlechte Laune unterm Schleier

Die arabische Welt wird Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein

Berliner Zeitung, 24. September 2004

Auf der Buchmesse in Frankfurt ist die arabische Welt dieses Jahr Ehrengast. Doch gute Laune herrscht bei den zweihundert eingeladenen arabischen Dichtern und Schriftstellern kaum.

"Ich habe bisher noch nichts positives gelesen", sagt die Libanesin Emily Nasrallah, deren bekanntester Roman "Septembervögel" inzwischen in Deutschland in der vierten Auflage ist.

Tatsächlich ist die arabische Presse wenig ermutigend. "Die Messe in Frankfurt - eine Katastrophe?", titelte die libanesische Tageszeitung As Safir vor einigen Wochen. Darin beschwert sich die Ägypterin Salwa Bakr, dass die Araber sich mal wieder nicht einigen können. Der Libanese Hassan Daoud kritisiert, dass Politik und Kultur zu vermischt werden.

Der Fernsehsender Al Jazeera brachte jüngst eine Fragerunde mit dem Präsidenten der Arabischen Verleger Gemeinschaft, Ibrahim Muallim. Ob denn auch der Hass auf die USA und der wirkliche Islam dort dargestellt würde, fragte ein Zuschauer. Der Moderator kritisierte, dass die arabischen Repräsentanten nur das säkulare westliche Denken vertreten würden.

"Glücklicherweise" würde Iman Humaidan sagen. "Ich hoffe, dass dies nicht so eine Veranstaltung ist, wo der Westen denkt Dialog mit der arabischen Welt sei Dialog mit Fundamentalisten. Ich habe die selben Problem mit Fundamentalisten wie Ihr", sagt die libanesische Autorin, deren Roman "Wilde Maulbeeren" zu Messe Beginn ins Deutsche übersetzt wird. Sie scheint eine der wenigen zu sein, die sich freuen.

"Ich höre von allen um mich herum, dass es ein Skandal wird, weil wir nichts zu zeigen hätten. Selbstverständlich haben wir das! Das Problem ist, dass wir auf das, was wir haben, nicht stolz sind."

Der Stolz sei mit den Leitbilder verloren gegangen, glaubt sie. "Die großen Ideologien sind tot. Übrig ist der Fundamentalismus und die alten Regime. Leute wie wir sind marginalisiert. Meine erste Reaktion war zu fragen: Wie können wir in den Raum zwischen diesen beiden Polen eindringen?"

Das scheint gelungen: Das Programm des Ehrengasts unterschiedet sich radikal von dem, was arabische Verleger in früheren Jahren zur Schau gestellt haben. Es stimmt zwar auch, dass einige kritische Autoren fehlen wie etwa der Iraker Najem Wali oder die ägyptische Feministin Nawal Sadawi.

Doch unter denen, die kommen, sind nicht nur große Namen, sondern auch mutige Kritiker ihrer Gesellschaften. Religiöse Schriften und vergoldete Koran Ausgaben werden zumindest dieses Jahr eine Randerscheinung sein.

Während Humaidan hofft, dass in Frankfurt ein wenig das Bild der arabischen Welt korrigiert wird, was durch den 11. September entstanden ist, hat Emily Nasrallah ganz handfeste Ziele. "Ich hoffe, dass dies der arabischen Literatur einen Erfolgsstoß gibt", sagt sie und fügt hinzu: "Ich bin auch sehr glücklich, dass es in Deutschland ist, weil ich aus meiner Erfahrung das Gefühl habe, dass man uns dort sehr respektiert."

Rashid Daif ist sich da nicht so sicher. Der libanesische Autor hatte in letzter Zeit öfter mit Deutschen zu tun, weil das Goethe Institut in einem kulturellen Austauschprogramm zwei deutsche Autoren nach Beirut gebracht hat. Daif selbst war in Berlin. Michael Kleeberg hat über seinen Libanonaufenthalt ein Buch geschrieben -"Das Tier das weint". "Die arabische Literatur wird im Westen boykottiert, so können meine Bücher nie zu Bestsellern werden", sagt darin Daif.

In einem Interview mit der Berliner Zeitung erläutert Daif: "Vielleicht sind westliche Leser nicht sensibilisiert für die Probleme, die arabische Schriftsteller aufwerfen."

Das mag sein. Doch vielleicht gefällt westlichen Lesern auch einfach der Stil nicht. Wie Peter Ripken von der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika in seiner Untersuchung über Übersetzungen aus dem Arabischen schreibt, ist arabischen Autoren "ein Lesepublikum in Europa und international erfolgreiche Erzählstrategien, die besonders viele erfolgreiche US-amerikanische Autoren pflegen, ziemlich gleichgültig"

Doch haben arabische Autoren auch mit Stereotypen zu kämpfen. "Es gibt deutliche Indizien dafür, dass europäische Verleger, aber auch Leser vorgefertigte und feste Meinungen darüber haben, worum es bei arabischer Literatur eigentlich gehen soll", schreibt Ripken. Titel mit dem Wort "Schleier" verkaufen sich besser als Titel ohne orientalische Konnotationen. Frauenliteratur liegt im Trend. Vor allem im englisch-sprachigen Raum, aber auch in Deutschland haben Verlage auffällig viele arabische Autorinnen im Programm, häufig mehr als deren männliche Kollegen.

"Leider sind aber gerade Bücher mit sogenannten Frauenthemen diejenigen, die Klischeevorstellungen über die Frau im Islam befördern", schreibt Ripken. "War es seit einigen Jahren besonders der Schleier, der Texte von arabischen Frauen verkaufen half, so ist es in jüngster Zeit neben der Gewalt an Frauen besonders die Erotik in von Frauen geschriebenen Romanen."

Assaad Khairallah, Professor für nahöstliche Sprachen an der Amerikanischen Universität in Beirut, bestätigt das. "Weibliche Schriftstellerinnen sind überall en vogue, besonders im Westen. Aus arabischen und islamischen Ländern sind sie noch attraktiver, weil man annimmt sie seien verschleiert und ohne Stimme", sagt Khairallah. Allerdings betont er, dass es in der arabischen Welt auch immer mehr Autorinnen gibt. "Ihre literarische Produktion ist der ihrer männlichen Kollegen sowohl in Quantität als auch in Qualität ebenbürtig."

Roger Allen, Arabistik Professor an der Universität von Pennsylvania und einer der wichtigsten Übersetzer von arabischer Literatur ins Englische, glaubt, dass arabische Autorinnen für politische Ziele benutzt werden. "Bestimmte Autorinnen wie Nawal Sadawi, Fatima Mernissi, Hananh Al Schaykh und Ahlam Muastaghanimi erfreuen sich einer breiten Beliebtheit im Westen. Dies ist ein schwieriges Thema, weil viele dieser Autorinnen auch deshalb vom Westen vereinnahmt wurden, um durch sie westliche Vorstellungen von Feminismus in den Nahen Osten zu importieren."

Doch häufig spielt der Geschmack von Verlegern und Lesern nur die zweite Geige. Erstmal muss ein Buch schließlich übersetzt werden. Übersetzer haben in der Vergangenheit viel Schelte von arabischer Seite bekommen, sie würden Autoren ungerechtfertigt zu Ruhm verhelfen, gar ihre besten Freunde bei Übersetzungen bevorzugen. Übersetzer geben zu, dass sie Lieblingsautoren haben. Das ist bei anderen Sprachen nicht anders. Doch ist die Riege der Arabischübersetzer ungleich klein. Fürs Deutsche gibt es vier oder fünf professionelle Übersetzer.