Öffentliches Küssen verbotenBeirut ist die Schwulen- und Lesbenmetrople der arabischen WeltBerliner Zeitung, 30. Oktober 2006 Glaubt man Hala, der Barkeeperin, dann ist Coup D'État der Geheimtipp unter Lesben weltweit: Die winzige Bar hat unmittelbar nach dem Juli-Krieg mit Israel in Beirut eröffnet. An der geschäftigen Hamra-Straße im überwiegend muslimischen Westteil der libanesischen Hauptstadt gelegen, ist der Eingang kaum zu erkennen. Das Guckloch an der mit schwarzen Nieten besetzten Tür verrät, dass es sich um einen diskreten Ort handeln muss. Ein bulliger Kerl prüft durch die Luke, wer herein darf. Drinnen ist es dann plüschig und rosa, auch ein wenig türkis und vor allem weiß - an die Wände sollen noch Bilder, sagt Hala. Auf den Sofas fläzen sich Frauen-Pärchen mit Cocktailgläsern in der Hand. Ohne alle Werbung ist die Bar Abend für Abend voll. "Die Besitzer haben einfach alle stadtbekannten Lesben angerufen", erzählt Hala, die im Hauptberuf als Journalistin arbeitet. "Schon am nächsten Tag bekam ich einen Anruf von einer Freundin aus Jordanien, die wissen wollte, ob es wahr sei. Eine Woche später wussten auch meine New Yorker Freundinnen Bescheid." Werbung für eine Lesbenbar, das wäre bei aller Weltoffenheit Beiruts ohnehin keine gute Idee. Denn Homosexualität gilt den meisten Bewohnern des kleinen arabischen Landes, Muslimen wie Christen, als des Teufels, wenn auch nur schwuler Sex gesetzlich verboten ist. Gegen Lesben wird in seltenen Fällen wegen Prostitution ermittelt, zu einer Verurteilung gekommen ist es dabei aber nie. So ist das Coup D'État auch nicht als Lesbenbar deklariert, sondern als Frauenkneipe. "Aber 80 Prozent der Besucherinnen sind lesbisch", versichert Hala. "Ich denke, wir sollten ihr irgendwann ein lesbisches Label geben. Es gibt so wenige schwul-lesbische Orte in der Stadt, aber eine große Nachfrage. Für's Geschäft wäre es gut." Beirut ist die Schwulen- und Lesbenmetropole der arabischen Welt. Trotz des Verbots von "Sodomie" herrscht in dem Multi-Konfessionen-Staat größere Toleranz gegenüber abweichenden Lebensstilen als in den Diktaturen der Region. Neben einigen bekannten Schwulenkneipen, einer Diskothek und einem Strandbad, an dem sich die Szene im Sommer trifft, gibt es nur hier eine staatlich zugelassene Organisation zum Schutz von Homosexuellen. Das Büro der Gruppe Helem wurde zwar schon mehrfach von der Polizei durchsucht, da dabei jedoch niemand im Akt erwischt wurde, blieben die Razzien ohne Konsequenzen. Die Gesichtskontrolle am Einlass ins Coup D'État ist denn auch eher Show als wirklich notwenig. "Ein bisschen wie in einem russischen Mafiafilm", sagt Hala, betont aber, dass in der Bar nichts Verbotenes geschieht. "Wenn wir sehen, dass ein Pärchen zu deutlich wird, weisen wir es darauf hin." Öffentliches Küssen ist im Libanon auch zwischen Mann und Frau verboten - wenngleich die Polizei selten einschreitet. Um Männer am Eintritt zu hindern, reichte ohnehin die Kamera, die am Eingang angebracht ist. Laut Hala versuchen es trotz dieser Vorkehrungen einige: "Sobald sie allerdings hören, dass hier nur Lesben sind, verlieren sie das Interesse." Neben dem Türsteher und dem Manager dürfen auch männliche Diskjockeys in die Lesbenbar. "Es gibt zu wenig weibliche DJs in Beirut", sagt Hala. Aber solche Ausnahme-Männer sollten keine Machos sein. "Der Manager hat früher als Stripper gearbeitet", erzählt Hala. "Mit ihm können wir uns auch über unsere Periode oder Klamotten unterhalten." Ansonsten hält sie von Männern nicht viel. "Du weißt ja wie Männer in der arabischen Welt sind. Sie glotzen einen die ganze Zeit an. Deshalb brauchen Frauen einen sicheren Ort", erläutert sie. "Ich bin in Saudi Arabien aufgewachsen. Daher meine feministische Ader." Die heute 25-Jährige musste schon mit elf Jahren den schwarzen Ganzkörperumhang Abbaya tragen, weil sie für saudische Verhältnisse sehr groß war. Schlank und hochgewachsen ist sie noch immer. Die langen roten Haare hat gerade ein Friseur gestylt. "Lesben erkennt man in der arabischen Welt, daran, dass sie Jeans, Tanktop und Turnschuhe tragen", klärt sie auf. Ansonsten legen die Frauen im Coup D'État Wert darauf, dass sie ganz normale Mädchen sind, die ganz normale Mädchendinge mögen. So kommt demnächst am Nachmittag eine Wahrsagerin in die Bar und liest den Kundinnen aus dem Kaffeesatz. |