Die zweite Katastrophe

Israels Angriff zerstört auch die zarten Ansätze im Libanon, den Bürgerkrieg aufzuarbeiten

Berliner Zeitung, 8. August 2006

Ein wenig Mut kostete es schon immer, sich gegen Hisbollah zu stellen. Die deutsche Filmemacherin Monika Borgmann und ihr Mann Lokman Slim haben ihn bewiesen. Mitten in der Hisbollah Hochburg Hrat Hreik, einem südlichen Vorort Beiruts, haben sie Filme und Ausstellungen zum Thema "Krieg und Erinnerung" gezeigt und zu Diskussionen darüber eingeladen. Für April 2007 war eine Reihe zu den Verschwundenen des Bürgerkriegs geplant - dabei wäre es auch um die von Hisbollah Verschleppten gegangen. "Doch jetzt müssen wir erstmal nachdenken", sagt Borgmann. "Nichts ist mehr wie vorher." Wegen der Bombenangriffe wohnt sie nun bei Freunden in der Innenstadt, nur tagsüber schaut sie nach dem Kulturzentrum im Vorort.

"Der Libanon hatte gerade angefangen sich mit diesen Themen zu beschäftigen: die kürzlich gefundenen Massengräber, die Untersuchung des Mords an Hariri. Wer interessiert sich jetzt schon dafür? Das ist eine weitere Katastrophe", sagt Borgmann, die schon als Kriegsreporterin in Jugoslawien war.

Im Libanon führten 16 Jahre lang rund zwei Duzend Milizen Krieg gegeneinander. Ursprünglich ein politischer Konflikt zwischen rechts-nationalistischen Christenmilizen auf der einen und meist linksgerichteten Muslimen und Drusen auf der anderen Seite, entwickelte sich der Bürgerkrieg schon nach einem Jahr zu einem Religionskrieg, und endete in Kämpfen unter Anhängern gleicher Konfession, zwischen Familienclans, um die Vorherrschaft in einzelnen Stadtvierteln.

Doch von alldem wurde lange geschwiegen. Bei Kriegsende 1991 einigten sich die verbliebenen Milizen auf eine Generalamnestie. Niemand wurde wegen Kriegsverbrechen angeklagt, stattdessen sitzen noch heute die ehemaligen Milizenführer im Parlament. Statt über Ursachen zu reden, schob man die Schuld auf "die anderen", also auf äußere Mächte: Je nach eigener politischer Anschauung machte man die Syrer, Israelis, Amerikaner oder Palästinenser für den Bürgerkrieg verantwortlich.

Über ein einziges der zahlreichen Massaker des Bürgerkriegs wurde öffentlich gesprochen: das an den Palästinensern in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatilla, das die Christenmiliz Falange während der israelischen Besatzung Beiruts, unter Aufsicht der Israelis begangen hatte. Allerdings tauchten die Falangisten hier stets nur als Fußnote auf: Die Schuld wurde allein Israel gegeben.

Erst in den letzten Jahren hat sich das geändert. Es gründete sich eine Gruppe, die von der Regierung forderte, das Schicksal der im Bürgerkrieg Verschwundenen zu untersuchen. Auf Beiruter Filmfestivals tauchten Filme über Tabuthemen auf. Borgmann und Slim interviewten für ihren auch auf der Berlinale 2005 gezeigten Film "Massaker" Milizionäre der Falange, ließen sie darüber berichten, wie sie die Palästinenser in Sabra und Schatilla abgeschlachtet hatten.

Dieser vorsichtige Beginn einer Aufarbeitung hatte Anteil daran, dass aus den Protesten gegen die Ermordung des früheren Ministerpräsidenten Rafik Hariri schließlich die Zedernrevolution im vergangenen Jahr wurde. Die Zeiten, in denen sich niemand getraut hat, am Status Quo zu rütteln, waren vorbei. Beirut war wieder aufgebaut, lange hatten keine Kämpfe mehr zwischen den verfeindeten Gruppen stattgefunden, und es war eine neue Generation herangewachsen, die den Krieg zwar erlebt, aber nicht in ihm gekämpft hatte.

Schon vor der Zedernrevolution begannen einige die Rolle der Hisbollah in Frage zu stellen. In der größten Zeitung An-Nahar und dem englischsprachigen Daily Star legten Kommentatoren der Hisbollah nahe, sich aufzulösen: nach Abzug der Israelis aus dem Südlibanon habe sie ihr Anliegen ja erreicht. Solche Vorschläge zeigen, wie eingeschränkt das Programm der Hisbollah wahrgenommen wird. Im Libanon gilt sie als die Partei, die sich gegen die Besatzung Israels gegründet hat und nur zu dem Zweck, das eigene Land zu befreien. Dass Hisbollahs erklärtes Ziel darin besteht, Israel "ins Meer treiben" zu wollen, halten die meisten Libanesen für bloße Rhetorik.

Andere kritisierten, dass nur Hisbollah wegen ihres Kampfes gegen die israelische Besatzung allgemein, auch von Regierungsmitglieder, als "der Widerstand" bezeichnet wird. Hisbollah heimse den Ruhm alleine ein, während doch auch andere gegen die israelischen Besatzer gekämpft hätten, argumentierten vor allem linksgerichtete Gruppen, die zugleich Syriens Rolle anprangerten.

Solche Kritik wird nun kaum mehr möglich sein. "Schon vorher hatten nicht alle den Mut gegen Hisbollah zu schreiben, aber es gab viele kritische Stimmen", sagt Borgmann. Auch ihr Mann Lokman Slim gehörte dazu. Mit anderen rief er während der Zedernrevolution die Gruppe Hayyabina ins Leben, die die Entwaffnung der Hisbollah forderte, weil die Zivilgesellschaft sonst immer wieder in Gefahr sei. Der "Nationale Dialog" der politischen Klasse ging Hayyabina deutlich zu langsam.

Zu diesem Dialog hatten sich nach der Bildung der neuen Regierung im Sommer vergangenen Jahres Vertreter aller Parteien getroffen. Daran nahm auch die Hisbollah teil, schließlich ist sie nicht nur größte Partei, sondern sitzt auch im Kabinett. Die von der französischen Mandatsmacht angerichtete Konkordanzdemokratie des Libanon beruht auf dem Konsens zwischen den gewählten Vertretern der 18 Konfessionen des Landes. Nicht wechselnde Koalitionen bilden die Regierung, sondern alle Parteien werden daran beteiligt, die eine bestimmte Stimmenzahl erreichen. So hätte die Hisbollah schon lange Minister stellen können, doch Syrien verhinderte das bis zum Abzug seiner Truppen, um Israel keinen Grund zu geben, die libanesische Regierung für Aktionen der Hisbollah verantwortlich zu machen.

In dem "Nationaler Dialog" genannten Gremium war allein die Hisbollah gegen ihre Entwaffnung. Nach nun drei Wochen israelischer Angriffe wäre das gänzlich anders. Der britische Daily Telegraph berichtet, dass nach den Angriffen auf die christliche Nachbarstadt Beiruts auch die Christen Hisbollahs Aktionen gutheißen. Ein kommunistischer Professor der Libanesisch-Amerikanischen Universität in Beirut unterschreibt seine Artikel neuerdings mit Alahu Akbar. In einer kürzlich von Noam Chomsky und Naomi Klein unterschriebenen Petition heißt es, 87 Prozent der Libanesen stünden hinter der Hisbollah.

Borgmann hält das für übertrieben. "Es ist wesentlich diverser. Aber man gilt als Kollaborateur, wenn man etwas gegen die Hisbollah sagt. Mit jedem Tag wird es schlimmer. Der wirkliche Gewinner dieses Krieges ist die Hisbollah."