1. Ankommen in Beirut

Der Chefredakteur brummte mürrisch. "Verstehe ich wirklich nicht, warum Sie für die Wirtschaft schreiben wollen. Und ihre Artikel - die kann ich nicht lesen, die sind ja auf deutsch." Ich hatte tatsächlich keine besonderen Gründe, ausgerechnet Wirtschaftsreporterin werden zu wollen. Bei einem Kurzbesuch in Beirut hatte ich drei Wochen zuvor in einer Kneipe ein paar Journalisten getroffen, die für den Daily Star arbeiteten, die englischsprachige Tageszeitung des Libanon, die im nahen Osten der International Herald Tribune beiliegt. So hatte ich erfahren, dass man dort in der Wirtschaftsredaktion gerade Leute suche. Rasch entschlossen hatte ich mich beworben und meinen Lebenslauf etwas in Richtung Wirtschaftsjournalismus frisiert. Offensichtlich erfolglos. "Da ist auch ein Artikel auf Englisch, den ich für die Cairo Times geschrieben habe," setzte ich gegen das Gebrummel und zeigte zaghaft auf meine Bewerbungsunterlagen. Der Chefredakteur warf einen Blick auf das Portrait über den sudanesischen Islamistenführers Hassan Al Turabi und verzog das Gesicht, so dass mir das Herz endgültig sank. Schließlich sagte er aber: "Na, das ist doch was. Featureschreiber brauchen wir. Sie können für die Lifestyle Seite schreiben. Dort arbeiten viele junge Mädchen, genau wie Sie." Es war also eine Verkettung von Zufällen, dass ich Lifestyle- und Kulturreporterin in Beirut wurde. Aber es passte.

Ich hatte Sozial- und Islamwissenschaften studiert, vor Jahren als Journalistin in Ägypten gearbeitet, dann ein Volontariat bei der Berliner Zeitung gemacht. In Deutschland hatten sich in den Monaten nach dem 11. September rund 8000 Journalisten arbeitslos gemeldet. Statt Bewerbungen in Deutschland zu schreiben, war ich als freie Journalistin nach Jordanien und in den Irak gereist. Jetzt besuchte ich einen Arabischkurs für Fortgeschrittene in Damaskus. Die syrische Hauptstadt war schön, aber ein wenig langweilig. Die Familie, bei der ich zur Untermiete wohnte, flüsterte manchmal Witze über den Präsidenten Assad, über den verstorbenen, wie über seinen Sohn. Die meiste Zeit des Tages aber lasen sie im Koran. Bevor mein Kurs losgehen sollte, beschloss ich, einen Abstecher ins keine 100 km entfernte Beirut zu machen. Im Juni 2002 wartete ich am Märtyrerplatz auf einen Bekannten einer Bekannten eines Bekannten aus Berlin. Genau hier, in der Mitte der Stadt, hatte ich 1996 schon einmal gestanden, an einem einsamen Imbissstand, vor Augen ein Schuttfeld, das bis zum ausgebombten Holiday Inn am Horizont reichte. Jetzt war das alte Beirut, jedenfalls das aus der französischen Mandatszeit, mit seinen Jugendstil- und Art-Deco- Sandsteinfasssaden dort originalgetreu wiedererstanden. Diese Luxus-Einkaufsmeile - tatsächlich mehrere Meilen im Quadrat - ist das Werk des milliardenschweren Geschäftsmanns Rafik Hariri, der seit Bürgerkriegsende wiederholt Premierminister des Landes gewesen war und am 14. Februar 2005 ermordet wurde. Hariri hatte für den schnellen Wiederaufbau kurzerhand die Grundstücke enteignet und der Immobilienfirma, Solidere, zugeführt, an der er selbst zehn Prozent Anteil hielt. Solidere nahm in der neuen Innenstadt Mieten bis zu 100 Dollar den Quadratmeter. Auch in anderen Teilen der Stadt wurde gebaut - und gefeiert. Nur zehn Minuten vom Märtyrerplatzes, auf der östlichen, christlichen Stadthälfte war ein ganzes Viertel mit Restaurants, Kneipen und Clubs entstanden. Rund um die Rue Monot war das Bier teuer, die Musik laut und das Publikum um die 20. Weil Journalisten beim Daily Star nicht viel verdienten, traf ich Jim Quilty in einer Kneipe in Hamra, dem alten Ausgehviertel des westlichen, eher muslimischen Stadtteils.

Jim war fast so etwas wie das Faktotum des Daily Star. Der Kanadier war fünf Jahre zuvor nach einem Stipendium an der Amerikanischen Universität in Beirut hängen geblieben. Stur seine Geschichten verfolgend, sich aber aus allen Machtkämpfen in der Redaktion heraushaltend, hatte er als anerkannt bester Feuilletonist schon Dutzende Kollegen kommen und gehen sehen. Ein Bekannter in Berlin hatte mir empfohlen, mich mit ihm zu treffen. Allerdings wird Jim häufig weiterempfohlen. "Du bist also auch so eine durchreisende Journalistin," sagte er, als ich ihm im Chez André vorgestellt wurde. Den rechten Mundwinkel stets etwas höher gezogen als den linken lachte er in die Runde. "Was kann ich für dich tun? Kann ich etwas für dich tun?" Ich hatte keine Ahnung. Ich wusste nur vage, was Drusen und was Maroniten sind, und warum sie im Bürgerkrieg aneinander geraten waren. Ich hatte mich vor meiner Reise auf Jordanien, Irak und Syrien vorbereitet. Für Libanon war keine Zeit mehr gewesen. Es gibt Länder, in denen freuen sich die dort lebenden ausländischen Journalisten, Diplomaten oder Vertreter der verschiedenen Stiftungen, wenn mal jemand bei ihnen vorbeikommt und ein Informationsgespräch führt. Im Sudan etwa begrüßte ein deutscher Botschaftsrat mich und eine amerikanische Kollegin mit: "Das ist ja toll, dass Sie zwei Wochen bleiben wollen. Die meisten kommen nur für drei Tage." Dass wir so gut wir nichts über den Sudan gelesen hatten, war egal. Es gab ja auch nicht viel zu lesen.

In Beirut ist das nicht so. Dort reisen Journalisten in Scharen durch, manche nur auf Urlaub, aber doch auf der Suche nach einer Story. Dazu kommen je nach Konfliktlage allerlei Friedensaktivisten, entweder auf der Reise nach Bagdad oder bereits abgewiesen von den israelischen Behörden, gehindert am Frieden Schaffen in den palästinensischen Gebieten. Weil es in Beirut außer den Bürgerkriegsveteranen Robert Fisk und Julie Flint keine Korrespondenten ausländischer Zeitungen gibt, ist ihre erste Anlaufadresse fast immer der Daily Star und dort fast immer Jim. Später in der Redaktion würde mir Jim manchmal das Telefon reichen, "Schon wieder so ein durchreisender Journalist. Ich würde sagen, du bist mal dran, Hannah." Mein Informationsgespräch mit Jim war eine Blamage. Ob er mir geraten hat, erstmal eine gute Buchhandlung aufzusuchen, weiß ich nicht mehr. Zumindest war mir hinterher klar, dass ich das musste, bevor ich weitere Leute belästigte. Immerhin schlug er mir vor, etwas zum Rückzug Israels aus dem Süden des Landes zu schreiben, das Datum jähre sich demnächst zum zweiten mal. Doch im Online-Archiv der Berliner Zeitung fand ich zu dem Thema schon einen Artikel des Kairoer Korrespondenten. Weil mein Arabischkurs in Damaskus auf mich wartete und ich ja ohnehin keine Ahnung hatte, kam ich also der Bitte eines Freundes bei der Wochenzeitung Analyse und Kritik nach, eine Reportage über die Linke in Beirut zu schreiben.

Kein Ort für alle
Im Libanon spalten die Konfessionen die Gesellschaft mehr denn je, ak, 21. Juni 2002

Bei "Chez André" hängt ein vergilbtes Schild über der Theke: "Keine Politik!" steht darauf. Die in einer Westbeiruter Einkaufspassage versteckte Kneipe rühmt sich, den ganzen Bürgerkrieg hindurch geöffnet gewesen zu sein. Hier sollen Mitglieder verfeindeter Milizen ihr Nachmittagsbier getrunken haben, bevor sie sich in der Nacht bekämpften. Heute trifft sich hier die Beiruter Politszene. Am einen Ende der Theke erläutert Achmed, ein junger Aktivist, einem kanadischen Journalisten, wer Dschihad Dschibril ermordet hat: "Diesmal war es nicht der syrische Geheimdienst, sondern der Mossad." Dschibril, der Chef der PFLP - GC (Popular Front for the Liberation of Palestine General Command), einer Abspaltung der Volksfront für die Befreiung Palästinas, wurde vor einigen Wochen Opfer einer Autobombe in Beirut.

Geheimdienste sind im Libanon wie in allen arabischen Ländern ein großes Thema. Der Unterschied zu den Nachbarn ist, dass offen und laut darüber diskutiert wird. Das liegt daran, dass hier weniger der eigene Geheimdienst seine Bevölkerung bespitzelt. Es sind vielmehr die anderen: Syrer, Israelis, Amerikaner. Die Libanesen fühlen sich immer noch als Spielball der Weltpolitik. Die Erinnerung an den 1990 beendeten Bürgerkrieg ist noch frisch. In dem fünfzehn Jahre währenden Krieg unterstützte Israel die rechtsextreme Phalange um die maronitischen Christen Pierre und Bashir Gemayel, die Iraner und Syrer halfen, die islamistische Hisbollah aufzubauen - und beides geschah, so die Überzeugung vieler Libanesen, mit dem Einverständnis der USA.

Heute ist die Hisbollah eine normale Partei. An den Straßenkreuzungen verteilen ihre Mitglieder Aufkleber, auf denen ihr Generalsekretär Hassan Nasrallah neben Staatspräsident Emil Lahoud in die Kamera lächelt. In der ganzen Stadt rufen Plakate der schiitischen Islamisten zum Boykott amerikanischer Produkte auf, sogar auf dem Campus der Amerikanischen Universität. Ramzi Sawma, Aktivist in der linken Studentengruppe "Keine Grenzen", zuckt mit den Achseln. "Hier kriegen die Islamisten keinen Fuß auf den Boden", sagt er. Doch dann redet er sich in Rage. "Die Hisbollah will die Geschichte des kommunistischen Widerstands im Bürgerkrieg ausradieren", sagt er. Die Kämpfer der Hisbollah gelten heute im Libanon als Helden: Der Abzug des israelischen Militärs aus dem Süden des Landes vor zwei Jahren wird nun nur ihnen gutgeschrieben. Auch den gesamten nationalen Widerstand seit 1982, als die Israelis Beirut besetzt hatten, verbucht die Partei auf ihr Konto. Doch während des Bürgerkriegs kämpften auch Tausende Kommunisten gegen die rechtsextreme Phalange und die Israelis, die bis 1985 weite Teile des Landes besetzt hielten und erst 2000 aus dem Süden abzogen. Die Kommunisten waren in den 70er Jahren eine starke Oppositionspartei im Libanon, die Hisbollah dagegen wurde erst 1982 gegründet. "Viele Väter von Freunden sind dabei umgekommen - nicht wenige wurden von den Islamisten ermordet", erzählt Ramzi. Dass die Hisbollah sich heute als alleinige Trägerin des Widerstands darstellen kann, liegt auch daran, das die baathistische Regierung Syriens die Islamisten konsequent unterstützt, die Kommunisten aber verfolgt hat. "Die Syrer wollten nicht mit mehreren Parteien verhandeln, die Hisbollah erschien ihnen leichter manipulierbar", erläutert Fawaz Traboulsi, Professor an der Libanesischen Amerikanischen Universität und Mitbegründer der "Organisation für kommunistische Aktion".

Die Präsenz des syrischen Militärs und Geheimdienstes im Libanon ist heute für die libanesische Linke ein Hauptstreitpunkt. Das 1989 zwischen den Bürgerkriegsparteien abgeschlossene Taif-Abkommen bestimmte, dass syrisches Militär zunächst zur Stabilisierung der Lage im Land bleiben sollte. "Nach zwei Jahren sollten sie abziehen. Doch dann kam der Golfkrieg dazwischen. USA und Syrien verständigten sich, dass eine weitere militärische Präsenz notwendig sei", erläutert Hassan Krayem, Professor an der Amerikanischen Universität in Beirut.

Die mehrheitlich konservativen Maroniten agitieren seit Anfang der 90er gegen die syrische Besatzung - während des Krieges haben sie sie bekämpft. Sie sehen in den arabischen Nachbarn eine muslimische Bedrohung und orientieren sich eher nach Europa. Die mehrheitlich muslimische Linke setzen dagegen auf arabische Solidarität und wenden sich gegen die westlichen Imperialisten. Deshalb haben sie lange die Präsenz der Syrer gutgeheißen. Doch inzwischen kritisieren insbesondere jüngere Aktivisten die rigiden Eingriffe des Nachbarlandes in die Politik des Libanon.

"Die Syrer können 90 Prozent der Abgeordneten im Parlament auf ihre Linie einschwören", sagt Ramzi. Hassan Krayem, der eine Organisation zur Überwachung von Wahlen gegründet hat, erzählt, dass die Wahllisten nur unter Aufsicht der Syrer zusammen gestellt werden können: "Wenn ein Kandidat zu kritisch ist, wird er vom Militär so lange unter Druck gesetzt, bis er zurücktritt."

Doch das ist nur ein Grund, warum die Libanesen lachen, wenn man sie nach ihrer Demokratie befragt. "Wir haben keine Demokratie, wir haben keine Diktatur, wir haben schlichtweg gar keinen Staat", ruft jemand an der Theke bei "Chez André". Demokratie heißt im Libanon vor allem, dass das Gleichgewicht zwischen den Konfessionen gewahrt bleibt. Der Präsident ist grundsätzlich maronitischer Christ, der Ministerpräsident sunnitischer Muslim und das Amt des Parlamentssprechers geht stets an einen Schiiten. Drusen und griechisch-orthodoxe Christen erhalten wichtige Ministerposten. Politische Ansichten spielen dabei kaum ein Rolle. Die Vertreter der jeweiligen Konfession sind meist Angehörige der alten Feudalclans oder gehören aus anderen Gründen zu den Reichen und Superreichen. Diamanten-, Waffen- und Drogenhandel waren lange die Hauptquellen des erheblichen Wohlstands der Oberschicht im Libanon. Der derzeitige Ministerpräsident Rafik Hariri ist Multimilliardär; allein für seinen letzten Wahlkampf soll er fünf Millionen Dollar ausgegeben haben. Solche Investitionen müssen sich natürlich rechnen.

Am Platz der Märtyrer, um den herum einst die alte Innenstadt Beiruts stand, klaffte noch vor sechs Jahren eine riesige Ruinenwüste. Heute steht hier ein Virgin Mega Store - das östliche Ende der neuaufgebauten "Altstadt". Häuser aus rötlichem Sandstein mit Spitzbögen und arabischen Ornamenten säumen die Straßenzüge. Das wirkt wie eine Hollywoodkulisse für Tausend und eine Nacht. Doch die Schaufenster sind mit Prada-, Bang und Olufson- und Timberland-Artikeln gefüllt. In Straßencafés trinkt man Café Latte und isst dazu Brownies. Dieses Wunderwerk an Wiederaufbau hat den Staat rund 2 Milliarden Dollar gekostet - Geld, das er nicht hat. Acht Prozent der gesamten Stadtfläche wurden enteignet und dann von Solidere, der Immobilienfirma des Ministerpräsidenten, gekauft. Hinterher hätten die alten Eigentümer ihren Besitz wieder zurückkaufen können, allerdings für einen Preis, den sich kaum einer leisten konnte. Der Wert der Solidere-Anteile, die sie als Gegenleistung für die Enteignung erhalten hatten, war ein winziger Bruchteil des jetzigen Grundstückswerts.

Auch bei anderen staatseigenen Betrieben, etwa dem Mobilfunksektor oder den Beiruter Bussen, gehen Lizenzen oder Verkäufe meist an politisch einflußreiche Familien. Nur wenige Abgeordneten wenden sich dagegen. Schließlich verlangen IWF und Weltbank noch weitere Privatisierungen. Deren Kredite hat Libanon bitter nötig. Das gerade mal vier Millionen Einwohner zählende Land hat rund 33 Milliarden Dollar Schulden, das sind 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Libanon steht kurz vor dem Staatsbankrott.

So viel die neue Innenstadt auch gekostet hat, ihre frühere Funktion hat sie verloren. "Vor dem Bürgerkrieg war die Altstadt Treffpunkt aller Menschen in Beirut, egal welcher Konfession - heute ist sie nur noch für die Reichen da", sagt Hassan Krayem. Damit sei eine wichtige Möglichkeit zur Aufarbeitung des Bürgerkriegs verspielt worden, glaubt der Professor. "Die Konfessionen sind heute weiter entfernt voneinander als vor dem Bürgerkrieg. Jede hat ihr eigenes Stadtviertel, eigene Schulen und Universitäten." Selbst die einzige staatliche Universität hat mittlerweile separate Abteilungen in Ost und West Beirut, im Osten für die Christen, im Westen für die Muslime.

Tarek Mourad, Student an der französischsprachigen Universität St. Joseph, will deshalb die Leute mit Straßenaktionen zusammenbringen. Vor zwei Jahren hat er mit Freunden eine Kunstausstellung an der Strandpromenade aufgebaut. Doch die Kunst war nur Vorwand. Die Aktivisten und Künstler wollten mit den Passanten diskutieren: Über den libanesischen Kapitalismus, Palästina, Religion, die Präsenz der Syrer, Sex und Homosexualität. Das war nicht immer leicht. "Am zweiten Tag sprang ein Trupp Vermummter aus einem Wagen und schmiss einen Stand ins Meer", erzählt Tarek. Er glaubt, dass es Islamisten waren. "Viele Passanten haben uns attackiert, weil unsere Aktion angeblich gegen die Religion sei. Aber wir haben gesagt: Dann lasst uns endlich über Religion reden."

Trotz vieler teils handgreiflicher Auseinandersetzungen wertet er die Aktion als Erfolg. "Sowas ändert soviel in unserer Kultur. Die Leute erfahren plötzlich, dass sie ein Recht auf Meinungsäußerung haben." Seine nächste Aktion hat er für August geplant. Im Sicco-Haus, einem Gebäude, in dem viele Initiativen Räume haben, will er mit Videoinstallationen, Musikperformances und Sprühaktionen ein öffentliches Forum für Diskussionen schaffen. Doch das soll nur ein Test sein. Gelingt er, will er die Aktion in den Einkaufspassagen und in der Innenstadt wiederholen. "Die Innenstadt muss wieder unsere werden. Jetzt fühle ich mich dort wie ein Tourist", sagt er. Doch im Libanon geht es dabei um mehr als die Rückgewinnung öffentlichen Raums. "Wir brauchen Orte für alle, um eine Identität zu schaffen", sagt Tarek.

Identität ist im Libanon maronitisch, griechisch-orthodox, sunnitisch, schitisch, drusisch, armenisch, kurdisch, palästinensisch... Die Bewohner werden offiziell 18 verschiedenen Konfessionen zugerechnet. Zwischen den Maroniten und Drusen kam es schon im 19ten Jahrhundert immer wieder zu Kämpfen. Im letzten Bürgerkrieg verliefen die Frontlinien zeitweise zwischen Maroniten und Muslimen. Zudem nutzen andere Mächte diese Zersplitterung der Bevölkerung für ihre eigenen Machtinteressen und verschärften die Fronten dadurch. Jede Gruppe hatte ihre eigene Schutzmacht. Die Maroniten wurden lange von den Franzosen unterstützt. Die Drusen standen sich gut mit Großbritannien. Die Griechisch-Orthodoxen bekamen Hilfe aus Russland.

Der heutige Staat basiert auf dieser Spaltung der Gesellschaft. Beispielsweise gibt es bis heute keine Zivilehe. Das heißt, Angehörige unterschiedlicher Konfessionen können im Libanon nicht heiraten. "Meine Eltern mussten nach Zypern fahren", erzählt Ramzi, sein Vater ist Christ, seine Mutter Muslimin. Linke und Demokraten organisieren seit Jahren Protestaktionen gegen diese Gesetzgebung. Doch der Widerstand von Klerus und Islamisten ist groß. Zur Zeit soll ein neues Gesetz erarbeitet werden. Aber Ramzi und sein Mitstreiter Fadi glauben nicht daran, dass es jemals zustande kommt. "Die Regierung hat Angst, irgendetwas zu ändern", sagt Fadi. Er sieht im heutigen Staat ein Pulverfass: "Es braucht nur etwas Außergewöhnliches zu passieren: ein paar Bomben aus Israel, eine Invasion der Syrer, dann haben wir den nächsten Bürgerkrieg".

2. Kaum Annäherungen im Multi-Konfessionen Staat

Nach meinem seltsamen Vorstellungsgespräch und der Zusicherung, dass man mir, einen festen Vertrag geben würde wenn ich eine Zeitlang als Freie gearbeitet hätte und man sehe, dass ich auch Englisch könne, zog ich in eine Wohngemeinschaft mit einer 19-jährigen Psychologiestudentin. Die Wohnung war klein, billig und schäbig möbliert, aber sie hatte Charme. Ganz am Ende des christlichen Stadtteils Aschrafieh, dort wo die Straße eine Kurve vor dem Abhang zum Meer macht, führt eine Treppe unter einem Geschäft hindurch auf eine steile Gasse, die auf den Beirut Fluß zuführt, allerdings nicht ganz im Tal ankommt. Unser Haus war das zweite an dieser Gasse und hatte einen kleinen Balkon, von dem man über Wäscheleinen und Satellitenschüsseln hinweg die ganze östliche Meeresbucht bis zur Nachbarstadt Jounieh überblickte.

Die Gegend hieß Dscheitawi und hier wohnten, wie meine neue Mitbewohnerin und ihr Freund mir sofort mitteilten, nur Faschisten. Rawane und Ernesto, dessen Vater in Hamra eine mit Che-Guevara-Postern tapezierte Kneipe betrieb, nannten sogar die Familie unter uns nicht beim Namen, sondern sagten nur: "Die Faschisten von unten haben geklingelt und wollten uns zum Kaffee einladen."

Die Bewohner dieses reizenden Viertels waren außer uns dreien fast ausnahmslos Maroniten und hatten im Bürgerkrieg auf Seiten der Phalange, auf arabisch Kata'ib, gestanden. Dessen Gründer hatte sein Vorbild bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin gesehen. Noch in den 1970ern schwärmte Pierre Gemayel gegenüber europäischen Reportern von der Ordnung und Disziplin bei den Nationalsozialisten.

Die Kata'ib als Faschisten zu bezeichnen, ist trotzdem übertrieben. Die Partei ist zwar nicht religiös eingestellt, gleichwohl aber konfessionell homogen. Ihre Mitglieder sind hauptsächlich Maroniten neben einigen wenigen anderen Christen. Sie wollten stets ein christliches Libanon, stilisieren sich noch heute zur Vorhut des Abendlandes im Morgenland, und tragen die Hauptverantwortung dafür, dass die zunächst sozial bedingten Auseinandersetzungen im Jahr 1975 einen konfessionellen Charakter bekamen.

Ihren Hauptfeind sahen sie in den palästinensischen Flüchtlingen. Weil diese mehrheitlich Muslime sind, sah die Kataib sie als Gefahr für ihr Projekt eines christlichen Libanon. Am 13. April 1975, dem offiziellen Beginn des Bürgerkriegs, hielt die Kataib einen Bus mit Palästinensern auf der Heimfahrt in ein Lager an. Alle Insassen außer dem Fahrer wurden erschossen.